Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen

IPSA SCIENTIA POTESTAS EST

Belanglose Dinge

Von Heinrich Knödler

An unserer Schule gibt es momentan einen Literaturwettbewerb zum Thema 'Wer bin ich?' Normalerweise mache ich bei sowas nicht mit. Ich nehme es zur Kenntnis, denke mir, warum eigentlich nicht und mache dann doch nie mit. Dieses Mal ist es aber anders. Die Frage packt mich. Sie lässt mich nicht mehr los. Ich spiele mit dem Gedanken daran teilzunehmen. Gedacht, getan.
Am selben Nachmittag sitze ich an meinem Schreibtisch und führe meine am Vormittag begonnen Gedankengänge fort. Ich fange mit einem kurzen Brainstorming an. Schnell merke ich, dass mir nicht viel zu dem Thema einfällt.
Ich fahre meinen Computer hoch, gehe auf Google und hämmere 'Wer bin ich?' in die Tastatur ein. Das einzige, was Google mir dazu beizutragen hat, sind unzählige psychologische Tests zu ebendieser Frage. Zuerst denke ich: Mist. Danach aber: Warum eigentlich nicht? Diese Tests sind zwar nie besonders aussagekräftig, aber spaßeshalber kann man es ja mal probieren. Es scheint wohl viele Leute zu geben, denke ich, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen und dabei genauso wie ich an ihre Grenzen stoßen.
Also probiere ich einen dieser Tests. Ich klicke den ersten Test an. 3,5 von 5 Sternen. Nicht besonders gut, aber was soll‘s. Einen Versuch ist es wert. Der Test geht 8 Minuten. Er beinhaltet verschiedene zu beantwortende Fragen zu bestimmten Situationen, also wie ich in diesen handeln würde. Außerdem muss man von „trifft genau zu“ bis „trifft gar nicht zu“ bestimmte Selbsteinschätzungen über seine Persönlichkeit abgeben. Viele Fragen geben für mich keinen Sinn oder es trifft  keine der beiden Auswahlmöglichkeiten auf mich zu, aber was soll‘s. Eine Frage lautet zum Beispiel: Was machst du vor einem Einkauf? Antwortmöglichkeit eins ist, dass ich mir eine Einkaufsliste schreibe und die zweite ist, dass ich kurz in den Kühlschrank schaue. Was sollen solche Fragen? Vielleicht gibt es ja Menschen, die beides machen oder andere, die überlegen, was sie in nächster Zeit essen wollen und anhand davon entscheiden, welche jeweiligen Zutaten eingekauft werden müssen? Aber nein, laut dem Test gibt es nur Personen, die sich vor einem Einkauf eine Liste machen und alle anderen kucken davor kurz in den Kühlschrank. Jetzt muss ich als Person, die sich gar keine Einkaufsliste schreibt, entscheiden, was ich eher machen würde und anhand dieser Antworten wird dann mein Ergebnis ausgewertet. Das kann ja nur gut werden, denke ich. Ich bin trotzdem gespannt auf das Endergebnis. Als es dann aber soweit ist, bin ich enttäuscht. Es ist eine vorgefertigte Antwort, die auf einen bestimmten Typus von Mensch zutreffen soll. Ich überfliege die Ergebnisse kurz. Laut dem Test bin ich unter anderem stark extrovertiert, kein bisschen mitfühlend, habe eine stark ausgeprägte sensorische Denkweise und meine Wahrnehmung ist auf dem untersten Level der Möglichkeiten. Genau so sehe ich mich auch. Nicht! Mit 89 prozentiger Wahrscheinlichkeit gehöre ich zu diesem Typus. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man dafür eine positive Bewertung hinterlassen kann. Wie kann man sich damit zufriedengeben? Aber die Leute scheinen diesem Test wohl Glauben zu schenken und ihm ein gewisses Vertrauen entgegenzubringen. So denkfaul sind wir schon geworden. Traurig. Wie kann man ernsthaft davon ausgehen, dass ein achtminütiger „Test“ im Internet einem eine ernstzunehmende Antwort auf die Frage 'Wer bin ich?' liefert?
Eine Antwort darauf können einem wahrscheinlich nicht einmal die engsten Freunde geben. Sie sehen nur, wie eine Person sich nach außen verhält, können aber selten bis nie hinter die Kulissen blicken und wenn doch, dann nur teilweise und nicht so, dass sie die einzelnen Puzzleteile der Persönlichkeit zu einem großen Ganzen zusammensetzen können. Die meisten Menschen können sich diese Frage ja nicht einmal selbst beantworten. Dies beweist die Existenz solcher Tests. Jetzt fange ich an, mir ernsthaft Gedanken zu machen. Mir fällt auf, dass ich mir, um die Frage beantworten zu können, erst einmal selbst viele andere Fragen stellen muss. Manche sind leicht zu beantworten - andere gar nicht. Ich fange mit harmlosen Fragen wie „Was macht mich aus?“ und „Was will ich?“ an, lande aber schnell bei beängstigenden Fragen wie „Warum bin ich?“, „Was ist wenn ich nicht mehr bin?“ und „Bin ich überhaupt?“. Auf diese Fragen finde ich keine Antwort. Und ich schaue mir die Testergebnisse noch einmal genauer an.
Ich bin dann wohl doch wie alle anderen, die sich mit der Frage auseinandergesetzt haben. Ich komme auch nicht weiter. Die Frage ist nur, ob ich mich mit dem Testergebnis zufrieden geben soll. Eigentlich sollte ich das nicht. Es wäre aber so leicht, so unkompliziert. Aber ich entscheide mich dagegen. Es muss noch mehr geben. Ich kehre zurück zu meiner Ausgangsfrage.
Wer bin ich? Ich bin nicht so, wie der Test sagt, dass ich bin. Das lässt sich schon mal festhalten. Was bin ich dann? Ich muss tiefer in mich hineingehen. Die Testergebnisse, so falsch sie auch waren, stellen nur einen Teil meiner Persönlichkeit dar. Hier folgen weitere Teile des großen Ganzen. Ich bin 18 Jahre alt, mache nächstes Jahr mein Abitur und hoffe auf einen guten Notendurchschnitt. Nach der Schule möchte ich erst einmal auf Reisen gehen. Australien oder so... Danach will ich studieren und etwas mit Sprachen machen. Vielleicht Dolmetscher oder Übersetzer. Ich hoffe auf eine Familie, ein, zwei Kinder und eine hübsche Wohnung mit großem Garten. Das war der einfache Teil.
Ist das alles? Will ich mehr vom Leben? Reicht mir das schon? Eigentlich ja - würde ich spontan antworten. Aber was für einen Sinn hat mein Leben dann? Ich würde der Welt nichts hinterlassen. Niemand würde sich an mich erinnern. Ist das schlimm? Eigentlich nicht. Trotzdem ein komisches, irgendwie einengendes Gefühl. Ich bin nicht sehr religiös. Glaube an kein übergeordnetes Wesen, das unser Leben vorbestimmt, uns beschützt und was weiß ich noch alles macht. Ist ja auch egal.
Aber im Moment geraten meine Ansichten ins Wanken. Vielleicht gibt es ja doch etwas oder jemanden, der mein Leben schon von Anfang an geplant hat, der mir eine Bestimmung gegeben hat, die ich unweigerlich erfüllen werde. Dann müsste ich mir keine Gedanken mehr  machen. Alles wäre schon für mich durchgeplant und ich könnte sowieso nichts mehr daran ändern. Das wäre ein schönes Gefühl. Es gäbe mir Sicherheit. Aber an Schicksal kann ich nicht glauben. Dann hätte nichts mehr einen Sinn, da sich sowieso alles so fügen würde, wie es sollte. Aber vielleicht wäre es auch so vorgesehen, dass ich so denke und nichts mehr mache und genau das wäre meine Bestimmung. Verdammt. Jetzt denke ich zu weit. Von der Frage 'Wer bin ich?' zum Sinn des Lebens...
Brauche ich überhaupt eine Antwort auf meine Fragen? Nicht unbedingt. Warum kostbare Zeit meines Lebens darauf verwenden rauszufinden, wer ich bin? Ich werde sowieso nie eine genaue Antwort darauf finden. Das ist sicher. Egal wie lange und intensiv ich darüber nachdenke. Aber ich kann auschließen, wer ich nicht bin. Das ist ja schon mal was. Ich kann mein Leben auch leben, ohne eine Antwort darauf zu haben. Ich glaube, das mache ich. Man muss nicht immer alles wissen. Es geht ja auch anders. Ich lebe mein Leben.

Zack! Alles ist vorbei. Ich öffne die Augen. Ich hebe meinen Kopf, sehe mich um. Jetzt fällt mir alles wieder ein. Alles war nur ein Traum. Ich befinde mich auf der Kommandobrücke eines Raumschiffs.  Ich wurde ausgesandt, um herauszufinden, ob die Erde infrage kommen würde, unser neuer Heimatplanet zu werden. Reine Aufklärungsmission. Stinklangweilig. Da muss ich wohl eingeschlafen sein. Die Mission geht schon zu lange. Jetzt träume ich schon, ich wäre ein Mensch! Die Menschen sind komisch. Immer am Nachdenken. Über belanglose Dinge.


Florian Haas  |  Stand: 19.02.2018