Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen

IPSA SCIENTIA POTESTAS EST

Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Von Clara Elche

Sobald ich die alte Schaukel sehe, weiß ich, dass ich träume. Nicht nur, weil ich mich noch genau an den Tag erinnere, an dem wir sie abgebaut und das morsche Holz verbrannt haben. Auch nicht, weil ihre Farben schon Jahre davor nicht mehr so hell geleuchtet hatten wie jetzt. Vor allem erkenne ich den Traum an dem Mädchen, das auf der Schaukel sitzt und abwartend zu mir schaut. 
Sie trägt einen gesteiften Pullover, darunter eine Strumpfhose mit Grasflecken auf den Knien. Ihre Haare sind wirr und ungekämmt. Außerdem hat sie eine Zahnlücke, die sie mir mit einem frechen Lächeln präsentiert. In ihren Augen liegt ein fröhliches Funkeln. 
Dieses Mädchen ist ich! Das heißt, sie ist nicht wirklich ich. Ich liege schließlich gerade im Bett und schlafe. Trotzdem ist es meine dreckige Strumpfhose, meine Zahnlücke und meine alte Schaukel. Dieses Mädchen war ich.
Sie winkt mich zu sich, und ich komme neugierig näher. Ich hatte noch nie Besuch von mir selbst, nicht einmal in meinen Träumen. Was sie wohl von mir möchte? Denn sie ist aus einem bestimmten Grund hier, das verrät mir ihr Erwartungsvoller Blick.  
„Hallo“, sage ich. 
„Hi. Magst du mit mir schaukeln?“ Sie zeigt auf die zweite Schaukel, und ich setze mich stumm. Ohne mich weiter zu beachten, beginnt die Kleine zu schaukeln. Schon bald scheint sie mich ganz vergessen zu haben, taucht einfach ab in ihre eigene Welt. Ich bin fasziniert. Beobachte eine Weile, wie ihre Haare dabei fliegen, wie ihr kleines Gesicht vor Freude strahlt; Bewundere die Tatsache, wie sie an so etwas Einfachem so großen Spaß haben kann. Wie ich an so etwas Einfachem so großen Spaß haben konnte. Heutzutage fällt mir das eher schwer. Wann habe ich das letzte Mal so laut, so frei gelacht, wie dieses Mädchen es gerade tut? Was war der Auslöser dafür? 
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, bremst sie plötzlich ab. Dass ihre Schuhe dabei dreckig werden, scheint sie überhaupt nicht zu stören. „Das macht Spaß!“, seufzt sie glücklich. „Findest du nicht?“
Ich zucke nur die Schultern. Was will sie bloß von mir? Der vielsagende Ausdruck in ihren Augen macht mich ganz nervös, ganz kribbelig. Da fällt mir ein, dass das ja mein Blick ist, mein stechender, durchdringender Blick. Hatte ich den als Kind echt schon so drauf? Wow! Unwillkürlich bin ich ein bisschen stolz auf mein früheres Ich und muss grinsen. 
Das Mädchen reißt mich aus meinen Gedanken. „Was machst du denn, was Spaß macht?“ Jetzt erinnere ich mich auch wieder an diesen direkten Ton, mit dem ich früher meine Antworten einforderte. Wann genau bin ich den eigentlich losgeworden? Vermutlich an dem Tag, als meine Lehrerin mir das erste Mal den Mund verbot.
Überraschender Weise bringt mich diese Frage ziemlich durcheinander. Ich bin natürlich viel in der Schule oder brüte über meinen Hausaufgaben. Aber wie soll ich ihr das erklären? Schließlich weiß ich genau, dass sich das Mädchen auf der Schaukel aus Mathe und Englisch nicht viel macht. Für sie ist es wichtig, so viel und so schnell wie möglich über den Schulhof zu rennen, fangen zu spielen und dabei aus Versehen die Pausenglocke zu überhören. Ich sage es trotzdem: „Naja, hauptsächlich sitze ich in der Schule.“
Wie erwartet rümpft sie die Nase. „Langweilig! Warum das denn?“
„Ähm…“ wieder stutze ich. Ja, warum eigentlich? „So genau habe ich darüber noch gar nicht gedacht“, gebe ich zu.
Ihre Augen werden groß. „Du gehst da immer noch jeden Tag hin? Ohne zu wissen, warum?“
„Doch, klar weiß ich warum. Ich will gute Noten…“ Die Augen werden noch größer, und ich beeile mich weiterzusprechen: „Damit ich später studieren kann. Und zwar etwas, das mir Spaß macht. Damit ich einen Beruf haben kann, der mir Spaß macht.“
Darüber muss sie eine Weile nachdenken. Wir fangen beide wieder an zu schaukeln, was mir mehr Spaß macht, als ich gedacht hätte. Es fühlt sich…frei an. 
„Dann gehst du also jetzt jeden Tag in die Schule, damit du später jeden Tag studieren kannst, damit du dann was machen kannst, was Spaß macht?“ fragt sie endlich.
Ich nicke nur. Es so aus ihrem Mund zu hören, klingt seltsam. 
Mein früheres Ich scheint das auch so zu sehen. „Wie blöd ist das denn!“, ruft sie aus, und ihr helles Kinderlachen klingt mir in den Ohren. „Du lebst doch jetzt! Nicht irgendwann in zehn Jahren! Du bist echt komisch geworden…“
„Bin ich gar nicht! Ich bin vielleicht vernünftiger geworden…“ und ich habe wohl vergessen, wie ungern ich schon damals Leute ausreden ließ. Das Mädchen fällt mir, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Wort: „Das ist ja noch viel schlimmer! Warum machst du denn sowas Bescheuertes?“
„Was heißt denn hier bescheuert?“ rechtfertige ich mich. Das fehlt ja gerade noch, dass mich mein achtjähriges Ich in meinem Traum zurechtweist. Sie lässt es ja geradezu so aussehen, als hätte ich ihr  Leben auf den Kopf gestellt. Dabei ist es mein Leben, und ich versuche nur, das Beste daraus zu machen. „Ich denke eben an die Zukunft. Die liegt schließlich vor mir!“
„Und ich liege hinter dir?“ Ein verletzter Ausdruck tritt in ihr Gesicht. „Meinst du das?“
„Nein!“ Doch. Es stimmt, eigentlich hatte ich das damit sagen wollen. Zumindest hatte ich bis jetzt gedacht, meine Vergangenheit sollte mich nicht interessieren, weil sie ja vorbei ist. Die Zukunft ist doch das, was zählt. Aber jetzt, wo ich in ihre tiefen Augen sehe…
„Ich finde, ich bin genauso ein Teil von dir wie deine Zukunft, und zwar ein viel besserer Teil!“
„Und warum?“
Sie zögert kurz, aber dann sagt sie ganz selbstbewusst: „Weil ich immer da sein werde. So, wie ich jetzt bin.“ Dann nickt sie, als sei sie zufrieden mit dem, was sie gesagt hat. „Genau. Du kannst gar nicht wissen, wer du morgen sein wirst. Oder in fünf Jahren. Aber ich, ich werde immer genau so sein, wie ich jetzt bin. Ich kann dich immer wieder daran erinnern, wer du sein kannst.“
Dass ich früher so tiefgründige Dinge von mir geben konnte, ist mir neu. Prüfend lege ich den Kopf schief und sehe das kleine Mädchen an. Die fängt wieder an zu schaukeln, schwingt sich immer höher in die Luft und scheint alle Sorgen einfach da unten zurück zu lassen. Auf dem Boden der Tatsachen, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hebt einfach ab und schwebt über allem. Und während ich ihr dabei zusehe, fällt es mir tatsächlich wieder ein. Wie leicht man es hat, wenn man die Dinge nicht mehr so ernst nimmt. Wenn man einfach sagt, was man denkt; macht, was man will, und den Rest sich selbst überlässt, mit dem schlichten Vertrauen, dass das schon alles seine Richtigkeit hat.

 


Florian Haas  |  Stand: 19.02.2018