Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen

IPSA SCIENTIA POTESTAS EST

Mehrsprachig – mehr als ausländisch

Der Aarauer Lehrer Hans-Paul Müller zu Besuch am FLG

Es ist ein steiler Weg, vielleicht sogar der steilste: damit sind nicht nur die Unannehmlichkeiten des  stark ansteigenden Schulwegs, sondern vielmehr die des Weges zur Bildung überhaupt gemeint. Maria, dreizehnjährige philippinische Emigrantin und zugleich Immigrantin in die Schweiz, ist die Urheberin dieses symbolisch zu verstehenden Ausdrucks. Nach anfänglich sehr guten Leistungen in der Integrationsklasse wechselt sie an die Bezirksschule Aarau, wo das Gewicht der schulischen Anforderungen und des Zeitaufwandes zu schwer auf ihren Schultern lastet. Es folgt der Wechsel an die Sekundarschule.

Maria ist kein Einzelfall. Zahllose Kinder mit Migrationshintergrund befinden sich in ähnlicher Situation. Nicht allein Sprachbarrieren, sondern auch die sozialen Hindernisse, die Emigration mit sich bringt, gilt es zu überwinden. Das ist sicherlich keine leichte Sache, zumal das Hilfsangebot der Schule oft große Lücken aufweist.

Hans-Paul Müller, Lehrer für Deutsch, Geschichte, Italienisch und Ethik an der Bezirksschule in Aarau, ist sich dieser Problematik bewusst und tritt ihr mit großem Engagement entgegen. Am Montag, dem 2. Dezember, stand er uns, der Reporter-AG, Rede und Antwort.

Bereits zu seiner Schulzeit stellte er eine auf Immigration gegründete zunehmende Italienisierung in der Schweiz fest. Den Kindern der Immigranten wurde in der Schule nur wenig Unterstützung zuteil. Als Folge seiner Beobachtungen gründete er die Arbeitsgemeinschaft „Beziehungen zu Gastarbeitern“ ? stets darauf bedacht, den Alltag der italienischen Immigranten und ihrer Kinder zu erleichtern, etwa durch Hausaufgabenbetreuung. Herr Müller wurde somit schon in frühen Jahren mit dem Thema Migration und Migrantenhilfe konfrontiert, womit sein uneingeschränkter leidenschaftlicher und bedingungsloser Einsatz für die Jugendlichen zu erklären ist.

„Wie bringen wir mehr mehrsprachige Schülerinnen und Schüler an die Bezirksschule?“ ? diese Frage suchte er in einer Nachdiplomstudie zu beantworten. Bewusst wählte er das Wort „mehrsprachig“; im Kontrast zum negativ konnotierten „ausländisch“ betont es die flächendeckende Bereicherung, die die Jugendlichen aus ihrem Heimatland mitbringen: so etwa lassen sie die strahlende Sonne der Philippinen auch in der Schweiz scheinen oder eröffnen ihren Klassenkameraden bisher verborgene Pfade zum flammenden Herzen der Türkei. Doch die Theorie alleine genügte nicht, Hans-Paul Müller strebte nach der praktischen Umsetzung. So entstand das Programm „Coaching OS +“, das der interkulturellen Kommunikation und Mediation diente: In Gesprächen mit Lehrkräften und den Jugendlichen selbst wurden schulische Angelegenheiten und potenzielle Förderungsmöglichkeiten besprochen. Um eine gerechtere Klausuratmosphäre zu schaffen, wurde beispielsweise die Anzahl der zu beantwortenden Fragen für die betreuten Kinder reduziert, sie wurden für einen festgelegten Zeitraum lernzielbefreit.

Mit positiver Bilanz währte das Pilotprojekt drei Jahre. Eine geplante Ausweitung auf den gesamten Kanton Aargau scheiterte 2007 an der geforderten finanziellen Beteiligung der Kommune. Auf Anregung des Schulleiters der Bezirksschule unternimmt Herr Müller nun Reisen u. a. ins Tessin, nach Basel und Reutlingen, mit dem Ziel, die jeweils dort herrschende Schulsituation und damit verbundene Wünsche der Immigranten in Erfahrung zu bringen und seine Ergebnisse in Form eines Berichts nach Aarau zu tragen. Diese Zusammenfassung soll anschließend an die Aarauer Behörden weitergereicht werden, in der Hoffnung, sie möge dort einen Meinungsumschwung bewirken.

Die Migrationspolitik generell hinke den aktuellen Fragen hinterher, so Herr Müller. Die deutlich steigende Zuwanderung könne nicht durch „Mauern um Europa“ eingedämmt werden, während zugleich Gelder für Entwicklungszusammenarbeit gekürzt würden. Obwohl jedoch ganze Menschenströme vor den Zuständen in ihren Heimatstaaten flüchteten, seien sie nicht automatisch willens, die Regeln einer für sie neuen Gesellschaft zu respektieren. So wüchsen Kinder teils in „schulfernen“ Familien auf, in denen anstelle von Bildung andere Werte im Vordergrund stehen. Fremdenfeindlichkeit müsse mit Information entgegengewirkt werden oder wie der Lateiner zu sagen pflegt: „Finientes sunt augendi“ – Die Horizonte müssen erweitert werden.

Carolin Seeger und Laura Secker

 

Sekundarschule:
Weiterführende Schule im Anschluss an die fünf bis sechs Jahre dauernde Primarschule. Nach Abschluss der Sekundarschule ist ein Wechsel ans Gymnasium möglich, wo die Matura erworben werden kann.

Nachdiplomstudie:
Weiterbildungsmöglichkeit (Zusatz- oder Ergänzungsstudium) für Lehrer in der Schweiz, Abschluss mit einer Diplomarbeit.


Marc Schlagenhauf  |  Stand: 03.07.2014