Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen

IPSA SCIENTIA POTESTAS EST

Hannes Nedele

Hannes Nedele aus Wannweil holte sich in der Sparte Musical mit der Höchstpunktzahl souverän den Sieg im Finale des Bundeswettbewerbs von „Jugend musiziert“

GEA Südwestpresse

Hannes Nedele hat im Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“ in Metzingen in der Kategorie „Musical“ gewonnen und qualifizierte sich damit für den Landeswettbewerb.

GEA

Wer ins Musical nach Stuttgart-Möhringen fährt, rechnet nicht gleich damit, dass ein Sechstklässler des FLG sich in seiner Freizeit dort von Liane zu Liane schwingt. Und doch …

Freitagnachmittag, 16.05.2014. Ich befinde mich in einer Turnhalle im Stage Apollo Theater. Gebannt richten sich meine Augen auf die Turnenden: Elf Jungen im Alter von neun bis zwölf Jahren, die ihre durchtrainierten Körper in allerlei akrobatischen, mitunter schmerzhaft wirkenden Bewegungen und Kunststücken zur Schau stellen. Der eine macht hier einen grazilen Flickflack, der andere schlägt zehn Räder hintereinander, scheinbar so ganz ohne Schwindelgefühl. Für ihn das Selbstverständlichste auf der Welt. Fasziniert von der athletischen Präzision der Jungen mustere ich einen nach dem anderen. Abgesehen von ihrer unverkennbaren körperlichen Fitness sind sie doch sehr verschieden; der eine größer, der andere etwas kleiner, auch die Haarlänge variiert und von schneeeulenweiß über pastellgelb bis hin zu leichtem schokobraun ist jeder Hauttyp dabei. Dennoch gibt es etwas, das alle verbindet und genau dieses Etwas ist der Anlass für den gemeinsamen, auf sportliche Weise verbrachten Freitagnachmittag: Alle spielen sie den kleinen Tarzan im gleichnamigen Stuttgarter Musical.

Wie, elf Jungen spielen den Tarzan? Nun ja, eigentlich sind es zwölf. Der, der heute Abend mit der Show an der Reihe ist, ist nämlich nicht dabei (striktes Jugendschutzgesetz, mehr hierzu an späterer Stelle). Unter den Tarzans ist auch Hannes Nedele, Schüler der 6a des Friedrich-List-Gymnasiums und Grund meines heutigen Besuchs. Was? Wie? Ein Schüler unserer Schule spielt die Hauptrolle im weltbekannten Musical TARZAN? Jap, so sieht’s aus. Und das nicht erst seit gestern: Seine Premiere hatte Hannes am 26.04.2014, Casting und Probenbeginn waren bereits im Herbst vergangenen Jahres.

Das ist ja alles schön und gut, aber wie kommt ein elfjähriger Junge dazu, sich für ein Stuttgarter Musical zu bewerben?, mag sich der ein oder andere an dieser Stelle vielleicht fragen. Für Hannes liegt die Antwort auf der Hand: „Ich habe mich schon immer für Musicals interessiert und dann habe ich ein bisschen im Internet geschaut, auf einer Website die Anzeige für Tarzan gelesen und mich beworben.“ Als ich ihn frage, wann in etwa seine Musicalfaszination begonnen habe, antwortet er mit drei Jahren, als er zusammen mit seiner Mutter das Musical „Elisabeth“ – sein erstes Musical- besucht habe. „Erinnerst du dich noch daran?“, will ich ganz erstaunt wissen und bin nicht weniger perplex, als Hannes ohne zu zögern verkündet: „An Ausschnitte, an Ausschnitte.“ Wow. Richtig beeindruckend.

Nun versteht es sich von selbst, dass so ein Musical kein Zuckerschlecken ist. Denn genau wie die erwachsenen Profi-Darsteller leisten auch die kleinen Tarzans harte Arbeit: Nach erfolgreicher Absolvierung mehrerer Castings im Herbst letzten Jahres begann die Probenzeit. Und die erstreckte sich in ihrer Intensivphase (Januar-April) auf ganze drei Tage pro Woche: mittwochs von 15:00-17:30 Uhr, samstags von 14:00-17:30 Uhr und sonntags von 10:00-12:30 Uhr – ein ganz schön straffer Zeitplan für die Jungen, wenn man bedenkt, dass sie nebenher noch in die Schule gehen. Dieser Meinung ist auch Hannes’ Mutter, die ebenfalls viel Zeit in Hannes’ Musicalaktivität gesteckt hat, wie sie mir auf der Autofahrt nach Stuttgart lachend verkündet: „Ich weiß nicht, wie oft ich diese Strecke in den vergangenen Monaten gefahren bin, ich glaube, ich kenne sie mittlerweile schon im Schlaf.“

Aber wie genau probt man denn für ein so großes Musical?, möchte ich wissen und Hannes erklärt mir, dass es verschiedene Trainer für unterschiedliche Disziplinen gibt. So wurde mittwochs beispielsweise Gesang und Sprechen trainiert, während am Wochenende Proben für Akrobatik und Tanz stattfanden.

Der aufmerksame Leser fragt sich an dieser Stelle vielleicht, warum ich mich denn an einem Freitag, der nach obiger Information seiner Funktion des „freien Tages“ alle Ehre macht, bei den Proben befände. Der noch aufmerksamere Leser hat gelesen, dass sich die oben genannten Zeitangaben lediglich auf die Intensivprobenphase beziehen, welche sich von Januar bis April dieses Jahres erstreckte. Das heute ist kein Training in dem Sinne, sondern ein sogenanntes „Cleaning“, denn die Premiere war schon und trainiert wird nicht mehr, sondern nur noch verfeinert, was sowieso schon sitzt.

Das wöchentlich stattfindende Cleaning ist also eine Art Feedback der Trainer an die Jungen und dient gleichzeitig dazu, die Tarzans körperlich fit zu halten sie vor dem Vergessen von bereits Gelerntem und Durchgesprochenem zu bewahren. Das ist besonders wichtig, denn jeder der insgesamt zwölf Tarzans darf 30 Shows pro Jahr und 3 – 4 pro Monat haben (der fanatische Mathematiker mag an dieser Stelle vielleicht argumentieren, 3 – 4 Shows pro Monat seien weitaus mehr als 30 Shows pro Jahr, jedoch sei ihm gesagt, dass der von ihm zu wählende Multiplikator zu 3 und 4 die Notwendigkeit sieht, einer Subtraktion um 4 (= Monate, in denen noch geprobt wurde) unterzogen zu werden). Urheber dieser expliziten Festlegung ist das außerordentlich strikte Jugendschutzgesetz, welches ebenfalls besagt, dass die Jungen sich nicht länger als drei Stunden im Probengebäude befinden dürfen. Es ist dasselbe Jugendschutzgesetz, das auch für die Notwendigkeit der Zwölffachbesetzung der Tarzanrolle verantwortlich ist, denn Shows gibt es mehr als 30 pro Jahr, nämlich genau acht pro Woche: dienstags und mittwochs um 18:30 Uhr, donnerstags und freitags um 19:30 Uhr und am Wochenende gibt es sogar zwei Vorstellungen, eine um 14:00 Uhr (Sa) oder 14:30 Uhr (So) und die nächste abends um 19:30 Uhr (Sa) und 19:00 Uhr (So). Ein äußerst gehaltvolles, zeitbeanspruchendes Programm.

Welche Rolle spielen hierbei eigentlich die Trainer, mit welcher Mentalität treten sie den energiebündelnden Tarzans entgegen? Nun, beim Cleaning heute verhalten sie sich den elf Jungen gegenüber allesamt ebenso kameradschaftlich wie konzentriert und konsequenzbereit; ein „wenn du jetzt nicht den Schnabel hältst, fliegst du raus“ kann da schon mal fallen, allgemein betrachtet bleibt die Atmosphäre jedoch immer harmonisch und entspannt. Auch ich komme voll auf meine Kosten, denn ich darf so viele Fotos machen, wie ich möchte. Und so sitz ich hier, ganz als Teil dieses Moments voll eindrücklicher Musicalenergie, und frage mich, ob die Musicalkarriere für den ein oder anderen nach „Tarzan“ weitergeht. Zu wünschen wäre es, denn Talent ist bei allen zweifelsohne in hohem Maße vorhanden. „Und Hannes, was möchtest du später einmal werden?“ – „Musicaldarsteller.“ Wer hätt’s gedacht.

Ein Beitrag von Laura Secker, J1, Reporter-AG


Marc Schlagenhauf  |  Stand: 09.07.2016